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7月28日 ZwischenstandMeine siebte Woche in Malawi ist gerade angebrochen und ich nutze die Gelegenheit der beinahe schon Halbzeit fuer den erneuten Versuch einen Zwischenbericht in den Blog zu stellen. Ich bin inzwischen nach einigen anfänglichen innerlichen Akklimatisierunghindernissen gut angekommen. Der Wechsel nach New York City war einfach schon krass und stressig. Die zwei Tage in Deutschland waren voller Organisiereien und mein Koerper hat mir deutlich gezeigt, dass ihm das nicht so richtig passte. Aber schliesslich in Malawi gelandet konnte ich ja erstmal mindestens zwei bis drei Gaenge runterschalten - was mir allerdings erst in der letzten Woche ansatzweise gelungen ist. Ich wurde gerade das erste Mal auf der Strasse von Malawiern ueberholt, was ein eindeutig gutes Zeichen in Richtung der Akklimatisierung ist. Ich wohne hier in der Kabula Lodge, der günstigsten Möglichkeit ein eigenes Zimmer zu bewohnen mit einem sagenhaften Blick auf einen der Hausberge Blantyres, den Ndirande, über welchem ich jeden Morgen den Sonnenaufgang bestaunen darf - ein guter Grund zwischen halb 6 und Viertel nach 6 aus dem Bett zu springen, den Fotoapparat zu schnappen, einmal kurz vor meine Zimmertür auf die ums ganze Haus herum verlaufende Veranda zu treten und mich hinterher wieder im kuschligen Bett aufzuwärmen. Temperaturtechnisch ist hier nämlich - logischerweise - Winter, der zwar nicht mit unserem deutschen Winter zu vergleichen ist, aber ab und zu sind es eben doch nur 5-10°C und mit mehreren Schichten Klamotten ist man gut beraten. Strom und Wasser ist in wechselnder Präsenz da, aber schliesslich gibt es Kerzen… Hier wohnen eigentlich hauptsächlich Studenten, die auch ein elective im Queens Central Hospital in Blantyre absolvieren oder sonstwie Praktika machen. Ich wohne direkt am anderen Ende der Stadt als das Krankenhaus, aber zu Fuß sind es etwa 50 Minuten und mit dem Minibus hin sogar nur etwa 25 Minuten. Zurück hält der vollgepackte Minibus etwas weiter entfernt am Markt, was für Einkäufe praktisch ist, aber dann brauche ich eben auch etwas länger nach Hause. Dies ist lediglich etwas stressig, wenn es schon "spät", nämlich gegen 5, halb 6pm ist, da es dann dunkel wird und man bei Dunkelheit lieber zu Hause sein sollte. Für den Zweifelsfall gibt es aber "Taxis", also Leute, die ein Auto haben und die man dann anrufen kann. Natürlich ne Ecke teurer. Billig ist es hier ohnehin nicht (klar, nix im Vergleich zu New York City, aber trotzdem), für Essen gebe ich etwa so viel aus wie in Deutschland und das Wohnen liegt zwischen Deutschland und New York. Neben dem Markt, auf dem Obst und Gemüse am Billigsten und meist am Besten ist gibt es einen großen Supermarkt mit allem Wichtigen noch hinter dem Krankenhaus und einen etwas kleineren auf dem Weg dorthin. Im Krankenhaus in Blantyre bin ich gut in die "Arbeit" reingekommen. Ich lerne ne Menge, gerade auch dadurch, dass ich um halb 6pm zu Hause sein muss, weil es dann dunkel ist und man nicht mehr draussen rumlaufen kann, zu gefaehrlich. Dadurch komme ich dazu viel in meinem Chirurgiebuch zu lesen. Wirklich viel zu machen gibts hier abends naemlich auch nicht - was nach dem Ueberangebot in New York eigentlich auch mal ganz angenehm ist. So habe ich nicht staendig das Gefuehl was zu verpassen, wenn ich abends zu Hause sitze (habe schon 700 Seiten in nicht rein-medizinischen Buechern gelesen, erst ein Buch ueber die Geschichte der Chirurgie und gerade eines ueber den Beginn der HIV/AIDS-Entdeckung). Im Krankenhaus sind alle sehr nett, das Englich ist halbwegs verstaendlich, es gibt auch zwei deutsche Chirurgen. Der eine hat mir einen richtigen Stundenplan zusammengestellt, auf meine Interessen abgestimmt, so dass ich erst 4 Wochen Allgemeinchirurgie hatte, dann eine Woche ENT (also HNO), dann hatte ich mir eine Woche in einem kleineren Krankenhaus organisiert, wo ich eine Woche bei einem deutschen Gynaekologen hospitieren wollte, dann habe ich 4 Wochen Kinderchirurgie, 2 Wochen Orthopaedie, eine Woche plastische Chirurgie (besonders viele Plattenepithelkardzinome bei Albinos und Brandverletzte) und noch ein bisschen Allgemeinchirurgie. Es läuft hier deutlich anders als in Deutschland. Vor allem viel langsamer (ohne 2 Stunden Mittagspause geht oft gar nichts - da wird auch der Patient mal auf dem OP-Tisch liegen gelassen, wenn man gerade mal was essen muss…). Auch das Verantwortungsbewusstsein felt - zumindest in der Chirurgic - bei vielen interns (Ärzte im ersten Jahr, die durch die Hauptgebiete der Medizin rotieren) und registrars (Assistenzärzte). Die consultants (Oberärzte) sind zum grossen Teil sehr engagiert und auch organisierter. Allerdings sind darunter nur drei Malawier. Dies hat unter anderem damit zu tun, dass die medizinische Uni in Blantyre (einzige in Malawi) erst Mitte der 90er Jahre nach der langen Diktatur Bandas ihren Betrieb aufgenommen hat. Zur Facharztausbildung mussten die meisten Ärzte allerdings noch ins Ausland (meist Grossbritannien oder Südafrike) gehen und blieben zum Teil dort. Bis vor etwa 5 Jahren waren die Briten in Malawi auch fleissig am recruiter - aus Ärztemangel nimmt man eben auch mal Entwicklungsländern die Ärzte weg. Es gab eine Zeit in der im Raum Manchester mehr malawische Ärzte gearbeitet haben als in Malawi selbst. Neuesten Studien nach gehen Malawi heute aber wohl nur noch 15% der ausgebildeten Ärzte verloren. Praktisch habe ich noch nicht so viel gelernt, aber es wird besser. Ich moechte insbesondere in der Chirurgie naehen lernen, das braucht man schliesslich in jedem Fachgebiet. Abends lese ich tatsaechlich auch in meinem Chirurgiebuch, denn mein Wissen ist peinlich gering. Ist wohl eine Interessensfrage... Allerdings habe ich wirklich schon vieles interstate gesehen, dass ich in Deutschland nicht unbedingt finden würde: Amputationen an allen vier Extremitäten bei Meningokokkensepsis (wie gut, dass ich geimpft bin!), riesige Osteosarkoma, ein riesiges Fibroadenom der Brust, die damit bis in die Leiste hing, einen riesigen Milzabszess, ganz viele angeborene Defekte bei Kindern (wie frontale und okzipitale Encephalozele, Anencephalus, Gastroschisis etc.) und so viel mehr! Chemotherapie gibts hier übrigens nur für Kinder und Vincristin bei Karposi Sarkom, Radiotherapie gar nicht. Krebs sollte man hier also nicht unbedingt haben. Gibts aber zu Hauf, insbesondere Ösophaguskarzinome, Blasenkarzinome (durch Bilharziose), Cervixkarzinome und lauter HIV-assoziierte Krebsarten wie Lymphome. Ich habe hier übrigens ganz spanned vor zwei Wochen bei der wohl ersten Ösophagektomie Malawis assistiert - nachdem man bislang wenn überhaupt Stents als palliativen Ansatz hatte ist dies also nun auch ein kurativer Ansatz. Allerdings nimmt die OP einen ganzen OP-Tag eines der drei Haupt-Ops ein, so dass die Frage ist, ob man nicht lieber mehr Leuten hilft, als einem. Ein komischer Gedankengang für unser System, aber hier vielleicht nachvollziehbar. Aber dadurch, dass hier so viele Europaeer aus den verschiedensten Laendern zusammen arbeiten und ich ja auch die Studenten mitbekomme (die meisten aus Grossbritannien und den Niederlanden) ist es doch sehr interessant, wie die Unterschiede in der Ausbildung sind. Und wir Deutschen sind leider echt nicht die am besten ausgebildeten. Gerade in der Praxis und in praxisbezogenen Fragen bin ich miserabel - und habe in Gespraechen mit den deutschen Aerzten, die ja auch die ganzen Studenten mitbekommen, auch immer wieder gehoert, dass das britische System extrem besser ist und man das bei der "Qualitaet" der Studenten merkt. Unser Praktisches Jahr ist in keiner Weise mit dem internship im 6. Jahr der Briten zu vergleichen. Sie haben viel mehr Verantwortung und Befugnisse und Aufgaben als wir, naemlich all die eines Arztes - ausserdem haben sie ihr Examen vor dem 6. Jahr, was in Deutschland ja auch mal aehnlich war. Aber das wurde ja vor kurzem mit dem Hammerexamen verschlimmbessert... An den Wochenenden war ich bislang immer unterwegs: Gleich das erste startete mit einer Wanderung, genannt Three peakes hike (also auf drei Gipfel) in die Umgebung Blantyres (von denen ich tatsaechlich auch zwei geschafft habe, u.a. den hoechsten der drei, der m Schluss einen Kletterpart hatte; da habe ich richtig Lust bekommen mehr im Kletterzentrum Roxxy in Goettingen zu machen) und zum Abschluss war ich statt des dritten peaks noch bei einem Konzert eines malawischen Rappers mit seiner franzoesischen Band (Latitudz, gar nicht uebel). Das zweite Wochenende verbrachte ich mit ein paar Leuten am Lake Malawi, in dem ich auch schnorcheln war und zwar die tollen bunten Malawiseefische gesehen habe, aber im Anschluss erstml Praziquantel aus der Apotheke besorgt habe. Hier bekommt naemlich jeder Bilharziose durch die kleinen Wuermer im See und das ist ein Risiko fuer Blasenkrebs, den hier dementsprechend auch viele haben (kommen ntuerlich meist zu spaet ins Krankenhaus...). Aber wenn man das Medikament nimmt kann man dem entgegenwirken. Am dritten Wochenende, was dank des Unabhaengigkeitstages am 6. Juli in Malawi ein langes Wochenende war, bestieg ich mit ein paar Leuten aus dem Krankenhaus den Mount Mulanje, den hoechsten Berg Zentralafrikas. Wir stiegen nicht bis zum hoechsten Gipfel, aber hatten viel Zeit mehr von dem tollen Plateau des Berges zu sehen und zu erwandern. Am vierten Wochenende war auch schon ein Monat rum und mein Visum am ablaufen, so dass ich einen Trip nach Mozambique machte, dort abenteuerliche 1600km im public transport oder durch nette Leute, die mich mitgenommen haben ueber Mocuba nach Chilimoni und dann ueber Tete wieder nach Malawi einmal einen Bogen um Malawi reiste - und beim Grenzuebergang ein neues Visum fuer Malawi bekam. Zurueck in Malawi hatte ich schon ein Gefuehl als ob ich nach Hause komme und es kam mir nach Mozambique extrem gut organisiert vor! Am naechsten Wochenende machte ich dann einen entspannten Trip, weil ueber Reisebuero hier gebuchten und nicht alleine reisend, sondern mit Clelia Anna, einer italienischen Amerikanerin, mit der ich viele Reiseplaene schmiedete, da wir aehnliche Vorstellungen hatten ueber Lilongwe nach Sambia, in den South Luangwa National Park, wo wir zwei Naechte in einem Camp schliefen und am Tag auf Safari waren. Elefanten liefen ohnehin direkt an unserem Chalet im Camp vorbei, Hippos waren die ganze Zeit zu hoeren und im Luangwa River vor unserer Haustuer zu erspaehen. Und dann gabs noch Giraffen, Zebras, Loewen, nicht zu vergessen die ganzen verschiedenen Antilopen etc. Durch die lange Fahrt (einen Tag hin, einen Tag zurueck und im Endeffekt nur einen richtigen Tag dort) war es doch ein halbwegs anstrengendes Wochenende, von dem ich direkt nach Ankunft in Lilongwe, der Hauptstadt Malawis nach Zomba reiste, wo ich Montagabend ankam. Ich hatte dies zwischendurch fuer eine Schnapsidee gehalten, weil ich eben voellig kaputt am Montagabend nach dem ganzen Tag unterwegs ohne Unterkunft im Regen und natuerlich Dunkeln hier ankam, aber es war ein voller Erfolg! Eine wirklich nette Stadt, viel weniger "expats" (von expatriots, wie hier die ganzen Entwicklungshelfer oder Weissen allgemein genannt werden) und somit sind die Leute entspannter, weniger aufdringlich und schuechterner. Also sehr angenehm. Im Krankenhaus, dem Zomba Central Hospital, was der Grund fuer meinen Aufenthalt in Zomba war, denn ich hatte hier die Moeglichkeit beim deutschen Chefarzt einen Monat in der Gynaekologie zu hospitieren, war es sehr nett. Er erklaerte viel, und ich habe vieles gesehen, was ich in Deutschland wohl eher nicht sehen wuerde, was aber gerade auch fuer mich als angehende Kinderaerztin (?) interessant ist. Nicht nur schoene Dinge, eher mehr traurige, die durch eine lange Zeit bis zum Arztbesuch auch nicht besser gemacht werden... Vesikovaginale uns kombinierte vesikorektovaginale Fisteln (Oeffnung zwischen Blase und Vagina bzw. Blase, Bagina und Anddarm durch zu lange dauernde Geburten), Kaiserschnitte (u.a. mit dem toten, mazerierten Kind bei dem die Haut abging), Ausschabungen (u.a. mit einer Molenschwangerschaft, also keine richtige, unbefruchtet, sieht aus wie Foschlaich), habe bei einem 2 Wochen alten Baby einen Brustabszess drainiert, Schwangere geultraschallt (u.a. Diagnose einer Zyste, stellte sich aber als Zwillingsschwangerschaft heraus), super junge Muetter (eine 15-jaehrig, hat mit ihrem Onkel Hexenkuenste ausgeuebt, ist naemlich eine Hexe, tja, und dabei kam dann eben ne Schwangerschaft bei raus), habe einen Bendel Ring (oder so) gesehen (Zeichen fuer rupturierenden Uterus bei einer Schwangeren), eine riesige Ovarialzyste, die sich als Teratom mit Haaren und Haut entpuppte (kindskopfgross mit bestimmt nem Liter dicker Fluessigkeit drin) und mein erstes Baby samt Plazenta geboren! Jetzt weiss ich, wie es funktioniert. Am letzten Tag war ich mit dem Gynaekologen noch in Phalombe, einem district hospital, sehr schoen gelegen und interessante Arbeit - allerdings extrem fortschrittlich, wenn ich es mit unseren Gesundheitszentren in Guatemala vergleiche. Interessant... Wirklich eine lohnenswerte Woche in Zomba, die Stadt war uebrigens bis 1975 Hauptstadt, was man nicht unbedingt merkt, wuerde ich sagen. Gerade bin ich von einem superschönen Wochenende im Liwonde Nationalpark zurückgekommen. Total schön gelegen, tolle Unterkunft mittendrin mit viel und sehr gutem Essen (das beste bislang!) und natürlich game drive, walking safari (wobei wir überraschenderweise auf einen riesigen Elefanten gestoßen sind, den unser einer guide mit dem Gewehr verscheuchen musste, uiuiui....) und boat safari mit vielen Vögeln. Besonders toll war auch der Weg zum Camp, den wir per 45-minütigem Bootstrip nahmen und der auch schon eine Art Bootsafari war mit vielen Hippos und Elefanten ganz nah! Wirklich ein unheimlich tolles Wochenende. Malawi hat wirklich etwas zu bieten! Vor allem "ganz um die Ecke" in 3 Stunden mit dem Minibus erreichbar (klar, plus 45 Minuten Boot). Ich werde auch mal versuchen an guten Internettagen Fotos in den Blog zu stellen, könnt ja bei Gelegenheit mal checken. Jetzt muss ich los. Bin ja gerade in der Kinderchirurgie, um halb 8am ist immer handover, also Übergabe über die letzten 24 Stunden und dann ist heute OP-Tag, also ne Menge Peritonealshunts für Hydrocephali, ein großer Hirntumor, Hernien etc. Sofern es Wasser zum Waschen der OP-Kittel gab (es gab schon Tage an denen wegen Mangel an Kitteln keine Ops stattfanden) und der Strom da ist… ;-) Kurz zur Entstehung dieses langen Artikels: Der Anfang stammt aus meiner Mittagspause gestern in einem Internetcafé, dann habe ich heute Morgen weitergeschrieben, vor der Arbeit, allerdings fiel dann der Strom aus und ich konnte ihn nicht loss chicken. Nun ein erneuter Versuch. Nebenbei: den Hirntumor konnten wir heute nicht operieren, weil keines der 4 Intensivstationsbetten frei war, Hydrocephali kommen wohl morgen, aber ne Hernie gabs, und ne Kolostoma-Rückverlegung, riesige unklarer Genese am Bein bei einer 9-jährigen, follow-up einer 5-jährigen mit Zustand nach Blasenextrophie, deren Harnleiter jetzt ins Sigma münden… Also viel Kleinkram. Allerdings war ich heute die einzige Studentin mit meinem Kinderchirurgen und konnte so den ganzen Tag assisteren. J |
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